AbGabs Kurzgeschichten

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AbGab
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AbGabs Kurzgeschichten

Beitrag von AbGab » Mi 16. Sep 2009, 18:38

Verdammt, ich bin tot.

Welch Ironie.
Sarkastisch blickte ich gen Himmel, wo eine weiße Schäfchenwolke langsam vorbeizog.
Mit viel Mühe gelang es mir sogar noch, mein Blickfeld ein bisschen nach unten zu schwenken – oder mein Kopf sackte einfach auf meine Brust herab.
Wie auch immer, das Ergebnis war das Gleiche: Ich blickte voller Galgenhumor auf den Krankenwagen, der mich vor weniger als einer Minute überfahren hatte.
Ein Krankenwagen! Wie ironisch, aber die liebe ich ja. Wer hätte auch damit gerechnet, dass so ein beschissenes, orangenes Teil mit hundertzwanzig Sachen plötzlich angerauscht kommt, und das mitten auf einer Landstraße?
Da macht man einen bequemen Spaziergang durch den Wald, verläuft sich, findet nach ´ner Stunde endlich wieder raus – und wird von einem lebensrettenden, von unterbezahlten, unmotivierten Fahrern gesteuerten Krankenwagen durch die Gegend geschleudert.
Ich glaub´ der Zusammenstoß mit dem Wagen allein hätte mir den Gar nicht aus gemacht – aber das Krachen gegen den Baum, das tat weh. Verdammt weh.
„Hey, Kev, guck mal ob der Kerl noch lebt!“
War das die Stimme des unaufmerksamen Fahrers? Wenn ich mich doch nur bewegen könnte, dann wäre ich wenigstens in der Lage, mehr zu sehen…oder den Penner zusammen zu schlagen. Aber so ist das mit dem Tod nun einmal, man kann sich eben nichts aussuchen.
Knirschende Schritte näherten sich meinem erstarrten Körper, bis der Typ direkt vor mir stand. Dummerweise erkannte ich nur die Stiefelspitzen, die mit ein wenig Blut bespritzt waren. Wahrscheinlich war er in meine Lache reingetreten.
„Ich kann es nicht erkennen, Steve! Er guckt auf den Boden.“
„Dann heb seinen Kopf hoch!“
Okay, ich bin echt keine Memme. Aber das tat jetzt echt weh. Was fällt dem Arschloch ein meinen zerfetzten, fast erstarrten Kopf nach oben zu drücken?
Als er Kerl damit fertig war, sah ich ein dickes, bärtiges Gesicht, eine Halbglatze krönte seinen runden Kopf. Der klassische Postbote – wie hatte nur diesen Job bekommen?
„Nee! Der lebt sicher nicht mehr.“ Während er diese Worte sagte, lächelte er humorvoll.
„Gut. Dann schleif ihn her, wir schmeißen die arme Sau einfach in irgendeinen See.“
Charmanter Kerl, dieser Steve. Meine Ex wäre wohl gerne mal mit ihm ausgegangen… ach, die ganze Welt ist verrückt.
Als Kev mich langsam hochhob und umdrehte, war mir ein Blick auf meinen Todesort vergönnt. Während der unterqualifizierte Sanitäter mich zum Wagen schleifte (was nebenbei bemerkt auch ziemlich schmerzte) sah ich mir den Baum an. Dort, wo mein nun lebloser Körper ihn getroffen hatte, war die Rinde abgeplatzt und einem großen, glänzenden Blutfleck gewichen, der sich bis zum Erdboden herunter zog. Ich würde gerne die Gehirnstückchen beschreiben, die noch daran klebten, aber das würde gegen die Altersvorgabe dieser Geschichte sprechen – also lass ich es lieber.
Nun ja, es dauerte nicht lange, da lag ich hinten im Wagen. Steve beugte sich über mich – im Gegensatz zu Kev war er sogar rasiert, eine schwarze Kappe bedeckte seinen vermutlich spärlichen Haarwuchs.
„Hey Kev, das ist der Kerl aus der Zeitung! Dieser Rassist.“
Er hatte sich wohl schlau gemacht. Ich hatte eben etwas gegen Menschen aus anderen Ländern, mit anderen hautfarben und einer andern Sprache. Na und?
Ahh, ich merke, wie sich Ihr Bild von mir so eben verändert hat. Unglaublich, wie schnell das geht, oder?
„Komm, Steve! Stell die vor die Bullen erwischen uns hier, wie sollen wir denen diesen blutigen Klumpen Fleisch in unserem Laderaum erklären?“
Steve nickte, dann befestigte er mich mit den Lederriemen des Krankenwagens an der Trage, auf der mich Kev zuvor „sanft“ abgelegt hatte. Kurz darauf krachte die Tür zu, und einige Sekunden später wurde der Motor des Gefährts angelassen.

Nicht minder schnell als vor meinem Tod rasten wir durch die Landschaft. Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn man die ganze Zeit nur gegen die Decke eines Krankenwagens starrt – vor allem wenn man das Autofahren nicht verträgt, so wie ich als passionierter Fußgänger. Aber ich konnte mich nicht mehr übergeben – schließlich weilte ich nicht mehr unter den Lebenden. Sterben ist scheiße.
Nach einer Ewigkeit hielten wir endlich an – einen Moment darauf wurde die Tür zum Laderaum des Krankenwagens wieder aufgerissen, Kev erschien vor mir, er schnallte mich ab und holte mich raus aus dem Teil.
Draußen erblickte ich zuerst Steve, der meinem Träger voranschritt, er steuerte direkt auf einen großen See zu. Oh nein. Können Sie sich vorstellen, wie langweilig es ist, seinen gesamten Tod unter Wasser zu verbringen?
„So, Kev, jetz´ schmeiß ihn rein, dann bringen wir Arnold den Wagen zurück. Macht Spaß, mit ´nem geklauten Krankenwagen durch die Gegend zu fahren“, meinte Steve, nachdem er mir zwei dicke Zementklötze an die Füße gebunden hatte.
Also so lief das. Die beiden Gangster hier leihen sich Krankenwagen, töten damit Leute und entsorgen sie dann in irgendwelchen Seen, in denen vermutlich sogar noch Kinder rum schwimmen.
„Okay, Steve.“
Kev hob mich hoch in die Luft, holte einmal kurz aus und warf mich dann in die Richtung des Sees. Während ich flog, hörte ich die Beiden lachen, dann sah ich das Wasser auf mich zukommen, kalt und Unheil verkündend.
Platsch. Habt ihr was Besseres erwartet? Sogar ich bin nicht in der Lage, das Geräusch einer Leiche nachzumachen, die ins Wasser eintaucht.
Während ich immer tiefer sank wich mein Bewusstsein langsam aus meinem Körper.
Endlich. Das war alles, was ich denken konnte, endlich fuhr ich gen Himmel.

Doch meine Hoffnungen wurden grob enttäuscht. Als ich meine nicht vorhandenen Augen wieder aufschlug, befand ich mich im Nichts. Ich meine das wirkliche Nichts.
Es ist weder schwarz, noch weiß, auch nicht ultramarinblau oder pink, wenn sie so gestört sind, sich das Nichts so vorzustellen.
„Hey, was soll das denn? Hört auf mich zu verarschen!“, rief ich mit meiner nicht vorhandenen Stimme, dem im Nichts existiert natürlich auch kein Körper.
Aber jetzt mal ohne Flachs – was sollte das? Wo waren die Wölkchen, oder, meinetwegen, die zweiundsiebzig Jungfrauen? Was für ein Scheiß. Sterben ist doof, dachte ich lakonisch.
Ich lehnte mich gerade imaginär zurück, als etwas Merkwürdiges geschah.
Vor mir verschwamm alles, es zog sich zusammen und dehnte sich wieder aus, bis eine Art Strudel entstand, in den mein nicht vorhandener Körper hinein gesaugt wurde.
Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit drehte ich mich, wurde zerfetzt und wieder zusammen gesetzt, bis sich ein Licht vor mir auftat. Und dann begriff ich: Ich wurde geboren.
Wiedergeburt. Verdammt, die Hindus hatten also doch Recht.
Ein nerviger Kinderschrei ließ meine Ohren fast zerspringen Es dauerte ein wenig, bis mir klar wurde, dass es meine Stimme war. Und als ich die kleinen Äuglein aufschlug, erblickte ich etwas, das mein Herz fast wieder zum Stillstand brachte. Um mich herum saß eine afrikanische Familie, dunkelhäutig, anderssprachig und ausländisch. Und ich saß in ihrer Mitte. Welch Ironie.
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Re: AbGabs Kurzgeschichten

Beitrag von FanorilAsaeh » Do 17. Sep 2009, 22:37

Ja ich beachte die Ironie - die sogar einen namendlich genannten, schönen Rahmen um das Ganze zieht.

Hm, schöne subjektive Sicht - eher umgangssprachlich, was den groben, verachtenden Charakter des Prota. gut rüberbringt und die zynischen Anmerkungen zeigen doch seinen Unmut ^^.

Aber ok genug der Analyse, du solltest öfters Kurzgeschichten schreiben. (PUNKT)

Und deswegen beende ich diese (eigentlich nichtssagende) Antwort mit einem freudigen: schreib fleißig weiter (,was du sowieso machst ^^).
Ein leerer Himmel verschluckt die Muse,
Des Herzen voll, die Feder laicht,
Ideen, Gedanken, alles Buße,
Und der Mut dem Mutigen weicht.
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